Gewicht und Gleichgewicht
Du lernst, wie Standbein, Kontrapost und das Lot vom Halsgrübchen deine Figuren sicher auf den Boden stellen.
15 Min.
Modul 4. Gewicht und Gleichgewicht
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Manche Figuren sehen aus, als würden sie gleich umfallen. Die Proportionen stimmen, die Gelenke sitzen, und trotzdem kippt der Mensch auf dem Papier nach vorn oder schwebt. Was fehlt, ist das Gewicht. Jeder stehende Körper hält sich im Gleichgewicht, und wenn du verstehst, wie er das tut, stehen auch deine Figuren.

Standbein und Spielbein
Kaum jemand steht längere Zeit gleichmässig auf beiden Beinen. Schau dich an einer Haltestelle um: Die meisten Menschen verlagern ihr Gewicht auf ein Bein und lassen das andere locker. Das tragende Bein heisst Standbein, das entlastete Spielbein.
Das Standbein ist meist gestreckt und steht fast senkrecht unter dem Körper. Das Spielbein ist leicht gebeugt, der Fuss steht etwas zur Seite oder nach vorn, manchmal nur auf der Spitze. Wenn du beim Zeichnen zuerst herausfindest, welches Bein trägt, hast du die halbe Pose verstanden.
Kontrapost
Sobald das Gewicht auf einem Bein liegt, verändert sich der ganze Körper. Die Hüfte schiebt sich auf der Seite des Standbeins nach oben und etwas zur Seite. Damit der Mensch nicht kippt, neigt sich die Schulterlinie in die Gegenrichtung: Auf der Seite des Standbeins sinkt die Schulter, auf der anderen steigt sie.
Diese Gegenbewegung von Schulter- und Hüftlinie nennt man Kontrapost. Du kennst die beiden Achsen schon aus dem Strichmännchen. Jetzt weisst du, warum sie sich gegeneinander neigen. Zeichne die Hüftlinie schräg, die Schulterlinie in die andere Richtung schräg, und die Figur beginnt sofort zu stehen, statt zu posieren. Übertreib den Winkel ruhig ein bisschen, bei kleinen Skizzen geht er sonst verloren.
Das Lot vom Halsgrübchen
Hier ist das wichtigste Werkzeug dieser Lektion. Such an der Person das Halsgrübchen, die kleine Mulde unten am Hals zwischen den Schlüsselbeinen. Stell dir vor, von dort fällt ein Faden mit einem Gewicht senkrecht nach unten. Bei einer stehenden Person landet dieses Lot auf dem Standfuss oder, wenn das Gewicht auf beide Beine verteilt ist, zwischen den Füssen.
Zeichne das Lot als dünne senkrechte Linie, bevor du die Beine setzt. Dann stellst du den Standfuss genau dorthin, wo die Linie den Boden trifft. Landet das Lot neben den Füssen, fällt deine Figur um, und das Auge des Betrachters spürt das sofort, auch wenn es nicht sagen kann, warum.
Sitzen und Anlehnen
Nicht nur Stehende haben Gewicht. Wer sitzt, gibt die Last an Gesäss und Oberschenkel ab, oft auch an eine Lehne oder an die Ellbogen auf dem Tisch. Zeichne die Sitzfläche mit, zumindest als Strich, und lass den Körper sichtbar darauf ruhen. Das Becken sinkt ein wenig ein, der Rücken rundet sich, die Schultern fallen nach vorn.
Wer sich an eine Wand lehnt, steht schräg. Das Lot vom Halsgrübchen fällt dann nicht mehr auf die Füsse, weil die Wand einen Teil des Gewichts trägt. Die Kontaktstelle, meist Schulter oder Hüfte, ist der wichtigste Punkt der Pose. Zeichne sie deutlich.
Last und Gegengewicht
Menschen tragen fast immer etwas. Mit einer schweren Einkaufstasche in der rechten Hand neigt sich der Oberkörper nach links, um auszugleichen, und die rechte Schulter wird nach unten gezogen. Wer einen Rucksack trägt, lehnt sich leicht nach vorn. Wer einen Kinderwagen schiebt, legt sich mit dem Gewicht gegen den Griff, die Arme sind gestreckt, das Lot fällt vor die Füsse, weil der Wagen stützt.
Diese Ausgleichsbewegungen machen deine Figuren glaubwürdig. Frag dich bei jeder Person: Was trägt sie, und wie hält sie dagegen?
Übung
Such dir einen Ort, an dem Menschen warten: Bahnsteig, Bushaltestelle, Marktstand, Schlange vor einer Glacé-Bude. Oder nimm Fotos von wartenden Menschen. Zeichne sechs Figuren, jede in 2 bis 3 Minuten. Bei jeder Figur ziehst du zuerst das Lot vom Halsgrübchen nach unten, bestimmst das Standbein und setzt Schulter- und Hüftlinie im Kontrapost. Mindestens eine Figur soll sitzen oder sich anlehnen, mindestens eine etwas tragen oder schieben. Lass die Lotlinien sichtbar stehen, fotografiere die Seite und zeig sie dem Coach.