Das Strichmännchen mit Gelenken
Du lernst, eine Pose mit Actionline, zwei Achsen und sechs Gelenkpunkten in 30 Sekunden festzuhalten.
15 Min.
Modul 2. Das Strichmännchen mit Gelenken
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Menschen bleiben nicht stehen, bis du fertig bist. Der Mann am Kiosk dreht sich um, die Frau auf der Bank steht auf, das Kind rennt weiter. Wer Menschen unterwegs zeichnen will, braucht deshalb eine Methode, die das Wesentliche in Sekunden festhält. Diese Methode ist ein Strichmännchen, aber eines, das mehr kann als das aus der Schulzeit: Es hat Gelenke, eine Wirbelsäule und eine Richtung.

Zuerst die Actionline
Bevor du irgendetwas anderes zeichnest, zieh eine einzige Linie durch die ganze Pose. Sie beginnt beim Kopf, folgt dem Rücken und läuft ins Standbein hinunter. Diese Linie heisst Actionline oder Bewegungslinie. Sie ist fast nie ganz gerade. Bei jemandem, der sich an eine Wand lehnt, ist sie eine sanfte Kurve, bei einem Kind, das sich nach einem Ball streckt, ein deutlicher Bogen.
Die Actionline zwingt dich, die Pose als Ganzes zu sehen, bevor du dich in Einzelteilen verlierst. Wenn sie stimmt, wirkt die Figur lebendig, auch wenn alles andere noch grob ist. Wenn sie fehlt, stehen deine Figuren wie Zaunpfähle.
Kopf, Schultern, Hüfte
Auf die Actionline setzt du oben ein Oval für den Kopf. Dann kommen die zwei wichtigsten Striche der ganzen Figur: die Schulterlinie und die Hüftlinie. Denk sie dir als zwei Achsen, die quer durch den Körper laufen.
Diese beiden Achsen sind fast nie parallel. Steht jemand auf einem Bein, kippt die Hüfte auf dieser Seite nach oben und die Schultern neigen sich zum Ausgleich in die andere Richtung. Dreht sich jemand, wird eine Achse kürzer, weil du sie schräg siehst. Schau genau hin, in welche Richtung sich jede der beiden Linien neigt, und übertreib es ruhig ein wenig. Ein kleiner Winkel auf dem Papier wirkt oft kleiner als in Wirklichkeit.
Zwischen den beiden Achsen verbindet die Wirbelsäule Brustkorb und Becken. Zeichne sie als Kurve, nicht als Stab. Die Wirbelsäule ist beweglich, sie biegt sich nach vorn, nach hinten und zur Seite, und diese Biegung trägt viel vom Ausdruck einer Pose.

Die Gelenkpunkte
Jetzt hängst du Arme und Beine an, und zwar nicht als lange Striche, sondern von Gelenk zu Gelenk. An den Enden der Schulterlinie sitzen die Schultergelenke. Von dort gehst du zum Ellbogen, dann zum Handgelenk. An den Enden der Hüftlinie sitzen die Hüftgelenke, von dort geht es zum Knie und zum Knöchel.
Setz an jedes Gelenk einen kleinen Punkt oder Kreis. Das hat zwei Vorteile. Erstens siehst du sofort, wo der Arm abknickt, und die Figur bekommt Haltung. Zweitens kannst du die Längen aus der ersten Lektion prüfen: Liegt der Ellbogen etwa auf Taillenhöhe, reicht das Handgelenk bis zum Schritt, sitzt das Knie in der richtigen Höhe?
Sechs Punkte pro Seite reichen: Schulter, Ellbogen, Handgelenk, Hüfte, Knie, Knöchel. Hände und Füsse deutest du mit einem kurzen Strich an, mehr braucht es noch nicht.
Dreissig Sekunden
Das Ziel dieser Lektion ist Tempo. Eine Pose in 30 Sekunden heisst: 5 Sekunden hinschauen, 3 Sekunden Actionline, dann Kopf, zwei Achsen, Wirbelsäule und Gelenke. Das fühlt sich anfangs hektisch an, und die Ergebnisse sehen roh aus. Das ist richtig so. Du trainierst das Sehen, nicht das Zeichnen schöner Linien.
Wenn eine Person sich bewegt, bevor du fertig bist, lass die Figur einfach stehen und fang die nächste an. Nach zwanzig solchen Skizzen merkst du, dass dein Auge schneller wird. Du beginnst, bei jedem Menschen zuerst die Neigung von Schultern und Hüfte zu sehen.
Eine Hilfe in der App
Wenn du ein Foto mit Menschen hochlädst, findest du die Taste «Aufbau zeigen». Der Coach legt dann das Strichmännchen mit Actionline, Achsen und Gelenken über die Person. So kannst du vergleichen, ob du die Pose richtig gelesen hast. Die Hilfe dient nur dem Verstehen, zeichnen tust du selbst.
Übung
Stell einen Timer auf 30 Sekunden und zeichne zwölf Posen hintereinander, ohne Pause. Gut eignen sich ein Park, ein Platz, ein Bahnhof oder das Fenster eines Cafés. Wenn draussen nichts los ist, nimm Fotos von Menschen in Bewegung, etwa aus einer Sportzeitung. Jede Figur bekommt Actionline, Kopf-Oval, Schulter- und Hüftlinie, Wirbelsäule und die sechs Gelenkpunkte. Keine Kleidung, keine Gesichter. Kreise danach die drei Posen ein, die am lebendigsten wirken, fotografiere die Seite und zeig sie dem Coach.